PDA Aargau

Reaktion der PdA Aargau auf zwei aktuelle Artikel der Aargauer Zeitung vom 27.06.2026

Die angekündigte Schliessung des Akutspitals Menziken ist mehr als ein regionaler Betriebsentscheid. Sie zeigt, was geschieht, wenn Gesundheitsversorgung nach betriebswirtschaftlichen Kriterien organisiert wird. Was für eine ganze Region Sicherheit bedeutet, erscheint in der Bilanz als Problem. Was für Patientinnen und Patienten Nähe bedeutet, erscheint in der Standortstrategie als zu geringe Auslastung. Was für die Beschäftigten tägliche Arbeit, Verantwortung und Fachwissen bedeutet, erscheint am Ende als abzubauende Stelle.

Das Spital Menziken warb mit «Mir läbed Nöchi». Gerade diese Nähe soll nun verschwinden. Eine Hausarztpraxis, ein Ambulatorium, ein Rettungsdienst und eine Walk-in-Praxis im Tagesbetrieb können wichtig sein. Aber sie ersetzen kein Akutspital. Sie ersetzen keine stationäre Versorgung rund um die Uhr. Sie ersetzen nicht das Vertrauen einer Region, dass im Notfall mehr vorhanden ist als ein Verweis auf ein anderes Zentrum.

Der Fall Menziken darf nicht bloss als Fehlentscheid eines einzelnen Verwaltungsrats verstanden werden. Er ist Ausdruck einer tieferen Logik. Im heutigen Gesundheitswesen wird Versorgung nicht einfach nach gesellschaftlichem Bedarf geplant. Sie wird durch Fallpauschalen, Auslastungszahlen, Konkurrenz zwischen Standorten, Kostendruck und betriebliche Rentabilität geformt. Ein Spital muss nicht unbedingt einem privaten Aktionär Profit abwerfen, damit es nach kapitalistischer Logik funktioniert. Es reicht, dass es gezwungen wird, sich wie ein Unternehmen zu verhalten.

Genau darin liegt der marxistische Kern der Sache. Der Gebrauchswert eines Spitals besteht darin, dass es da ist, wenn Menschen es brauchen: nachts, am Wochenende, bei Komplikationen, bei Notfällen, bei Unsicherheit. Sein betriebswirtschaftlicher Wert bemisst sich aber daran, ob genügend abrechenbare Fälle, genügend Auslastung und genügend Einnahmen entstehen. Was gesellschaftlich notwendig ist, kann in der Rechnung des einzelnen Betriebs als Verlust erscheinen.

Darum greift auch die einfache Gegenüberstellung von «privat» und «öffentlich» zu kurz. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass alles besser wäre, sobald ein Betrieb formell in öffentlicher Hand ist. Auch öffentliche oder halböffentliche Spitäler können nach derselben Logik geführt werden: mit Zielvorgaben, Sparprogrammen, Konkurrenzdruck, Outsourcing, Lohnabbau und Standortschliessungen. Der bürgerliche Staat steht nicht ausserhalb dieser Verhältnisse. Er organisiert sie mit.

Auch dort, wo sozialdemokratische oder grüne Kräfte mitregieren oder mitverwalten, verschwindet diese Logik nicht automatisch. Wenn sie die Sprache der «Sachzwänge» übernehmen, wenn sie Versorgung als Kostenproblem behandeln und wenn sie betriebswirtschaftliche Kennzahlen über die Bedürfnisse von Bevölkerung und Personal stellen, verwalten sie am Ende dieselbe Ordnung. Dann wird die Gesundheitsversorgung nicht demokratisch geplant, sondern kapitalistisch rationalisiert.

Menziken zeigt deshalb nicht einfach das Versagen eines einzelnen Spitals. Menziken zeigt das Versagen einer Gesundheitspolitik, die öffentliche Aufgaben in eine unternehmerische
Form presst. Die Verantwortung ist gesellschaftlich, die Finanzierung ist politisch, die Folgen treffen Beschäftigte und Bevölkerung. Aber entschieden wird entlang einer Logik, die am Ende fragt: Rechnet sich dieser Standort noch?

Besonders brutal zeigt sich das beim Personal. 149 von 303 Mitarbeitenden sollen ihre Stelle verlieren, darunter Lernende und Studierende. Diese Menschen haben das Spital nicht in die roten Zahlen geführt. Sie haben es am Laufen gehalten. Sie haben Schichten übernommen, Patientinnen betreut, Angehörige begleitet, Notfälle aufgefangen, gekocht, gereinigt, organisiert, gepflegt, dokumentiert und ausgebildet. Wer jetzt ihre Arbeit abwickelt, darf nicht von «Neuausrichtung» sprechen, als ginge es um eine technische Strukturfrage. Es geht um Arbeitsbiografien, Fachwissen, Ausbildung und Lebensplanung.

Die PdA Aargau stellt sich an die Seite der Beschäftigten, der Lernenden, der Studierenden und der Bevölkerung im Wynental. Wir unterstützen die Forderung nach einem echten Konsultationsverfahren, nach Transparenz über geprüfte Alternativen und nach einem Sozialplan, der diesen Namen verdient. Ein Konsultationsverfahren darf keine höfliche Begleitung eines bereits beschlossenen Abbaus sein. Die Vorschläge der Mitarbeitenden und ihrer Vertretungen müssen ernsthaft geprüft werden, bevor Kündigungen ausgesprochen werden.

Aber ein Sozialplan allein genügt nicht. Er kann die Folgen mildern, aber er beseitigt nicht die Ursache. Die Ursache liegt in einer Gesundheitspolitik, die Versorgung dem Druck von Fallzahlen, Pauschalen, Standortkonkurrenz und Kostenrechnung unterwirft. Gesundheit darf nicht als Ware behandelt werden. Ein Spital ist keine Filiale. Patientinnen und Patienten sind keine Kundschaft. Pflege, Rettung und Medizin sind keine Produkte, die man zurückfährt, wenn sie sich an einem Standort nicht genügend rechnen.

Was nötig ist, ist keine naive Hoffnung auf den Staat als neutralen Problemlöser. Nötig ist eine demokratische Kontrolle der Gesundheitsversorgung von unten: durch Beschäftigte, Gewerkschaften, Patientinnen und Patienten, Gemeinden und Bevölkerung. Die Frage darf nicht lauten: Welcher Standort rentiert? Die Frage muss lauten: Welche Versorgung braucht die Bevölkerung, welche Arbeitsbedingungen braucht das Personal, und wie werden die dafür nötigen Mittel gesellschaftlich bereitgestellt?

Eine wirklich öffentliche Gesundheitsversorgung heisst nicht bloss staatliches Eigentum. Sie heisst Entzug aus der Markt- und Konkurrenzlogik. Sie heisst Planung nach Bedarf statt nach Fallzahlen. Sie heisst Kontrolle durch diejenigen, die im Gesundheitswesen arbeiten und auf seine Leistungen angewiesen sind. Sie heisst, dass Ausbildung, Personalbestand, Notfalldienst, Akutversorgung und regionale Nähe nicht als Kostenproblem behandelt werden, sondern als gesellschaftliche Notwendigkeit.

Menziken zeigt, was auf dem Spiel steht: Wenn Nähe nicht rentiert, wird sie gestrichen. Wenn Bereitschaft Kosten verursacht, wird sie abgebaut. Wenn Beschäftigte nicht mehr in die Rechnung passen, werden sie entlassen. Genau gegen diese Logik richtet sich unser Widerstand.

Gesundheit ist keine Ware. Gesundheitsversorgung ist kein Geschäft. Aber sie wird im Kapitalismus immer wieder wie eines behandelt – auch dann, wenn der Staat mit am Tisch sitzt. Deshalb braucht es nicht nur andere Eigentumsformen, sondern eine andere Machtfrage: Wer entscheidet über Versorgung? Die Bilanz, der Verwaltungsrat und der Standortwettbewerb – oder die Menschen, die Versorgung brauchen und tagtäglich leisten?

 

Dominik Schrott
Partei der Arbeit Aargau